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Der Künstler Hubert Brandstätter
Ein Porträt von Erwin Michenthaler


Die Kampfzone im Gotteszerwürfnis
Relikte und Reliquien aus Vor- und Nachkriegszeiten


Anstoß
Wer es gewohnt ist im Reisschüsserl der Kunst mit Essstäbchen zu stochern, den trifft eine erste Begegnung mit dem Künstler Hubert Brandstätter wie eine unerwartete Kopfnuss. Denn da startet einer gleich das ganze Weltmoperl um ein paar Proberunden zu drehen. Spontan fallen mir sofort 4-5 pragmatisierte Kunstliebhaber ein, die bei einer solchen Begegnung eilends die Weichteile verbarrikadieren. Missverständnisse sind also vorprogrammiert.


Freistoß
Sofort nach dem sich Hubert Brandstätter für die Kunst entschieden hatte, inhalierte er die Kunstgeschichte und durchlief wie ein rasender Embryo sämtliche Entwicklungsstadien vom Reptil bis zum Flugwesen in atemberaubender Geschwindigkeit. Rasch auch breitete er seinen eigenen Weltteppich aus und baute an der Saurierfalle für den großen Gott Niemand. Bei Hubert Brandstätter geht es immer ums Ganze, um den Menschen, um das Opfer, um den Krieg, um die Spur...

Immer meinen seine Bilder und Objekte das Prinzipielle und das Allgemeine, immer auch geht es Hubert Brandstätter um das Sinnliche des Materials, immer experimentiert er mit neuen Materialien um seine Arbeiten noch näher an die sinnlichen Kanäle des Betrachters zu bringen.

 

Wald, Stein, Sumpf, klares Wasser, hungrige Antimaterie, Auslöschung, Asche... Es scheint als würde Hubert Brandstätter die Natur an die Grenzen ihrer Daseinsmöglichkeiten tragen wollen. In der Sprache passieren ihm zwar manchmal Tautologien, nicht aber in seiner Kunst. Vielleicht ist es dieser Schleier, der ihn vor Ironie bewahrt. Es ist ihm ernst! Einatmen-Strich-Ausatmen. Bei einer solchen Arbeit ist man fast schon tot.

 

Ordnung
Die Stärken von Hubert Brandstätters Arbeit liegen sicher dort, wo sich seine Arbeit an die Wahrnehmung, an die Sinne sich richtet, wo das Auge Asche und Rost, aber auch Farbe ertasten lernt. Ausdrucksstark sind auch die Bilder, die sich an einer archaisierenden, geometrisch klaren Einzelform orientieren. Die klare geometrische Form suggeriert ja immer eine tragfähige Ordnung. Wenn die Welt auch zum Teufel geht, ein Quadrat bleibt ein Quadrat, also das große Fließenmuster der mikro- und makroskopischen Weltordentlichkeit bleibt wenigstens erhalten.

 

Es sind keine nihilo-materialistischen Quadrate und Scheiben, die in Hubert Brandstätters Bildern auftauchen, sondern verlässliche Bojen. Da könnte eine Scheibe fast schon eine Sonne sein, oder gerundet als Kugel eine von außenbetrachtete Welt. Wie aber sieht es mit den Bewohnern solcher Planeten aus?

 

Mensch
Portraits findet man in Hubert Brandstätters Werk nicht, also keine individuelle Ausformung der Gattung Mensch. Wohl aber findet man Körperabdrücke, also Spuren des Menschlichen. Aus der Geschichte wissen wir, Torso und Abdruck sind immer romantische Themen, weil ihre Ergänzung außerhalb der Wahrnehmung liegt - also jenseits. Die Zeit hat etwas aus diesen ursprünglich ganzen Menschen gemacht, nur ein Teil ist noch sichtbar.

 

Kann sich der Mensch nur mehr teilweise realisieren? Wird aus dem Menschen nur mehr der brauchbare Teil extrahiert? Die Körperfragmente in Hubert Brandstätters Bildern “verhalten” sich zueinander aber als Ganzes (z.B. Begegnung), sie scheinen ihre reale Unlebbarkeit in ihrer Bildwirklichkeit nicht wahrzunehmen.

 

Zwischenzeitlich malt Hubert Brandstätter ganze Figuren, Frauen mit verbundenen Augen. Hier haben wir es mit zwei Realitäten zu tun. Eine Ebene im Verhältnis zur Realität und eine im Verhältnis zur Malerei. Verbundene Augen sind ein Bestandteil unserer Welt des Sehens, sie können deshalb nur bezogen auf die Realität einen Sinn haben, sind also erzählerisch, weil sie die Frage ergeben: Warum sind die Augen der Frauen verbunden? Und man fragt sich natürlich auch, warum nehmen sie die Augenbinden nicht einfach ab. Auf dieser inhaltlichen Ebene ergeben sich Widersprüche, die nur logisch aufgelöst werden können. Auf der malerischen Ebene sieht man weibliche Figuren, die sich scharf vom Hintergrund abheben und deren Körpermodellierung sich stellenweise aus dem natürlichen Rhythmus ausklinkt. Mittelalter oder industrielle Stanzform?

 

Religion&Politik
Immer wieder findet man im Werk Hubert Brandstätters Reminiszenzen an Reliquien, Devotionalien, Totems, Altäre, Schriftrollen etc. Erinnern wir uns an die eingangs erwähnte Saurierfalle, gerade ohne formuliertes Gottesbild sind Opferstätten Verbindungsanliegen zum Ursprung, ein “Absurdes Ordnungssignal” in
Anbedracht eines absurden Daseins mit willkürlich hereinbrechenden Katastrophen. Und nochmals: Hubert Brandstätter nimmt nie Zuflucht zur Ironie, auch nicht bei dem “Altar” für George Bush. Bier und Asche, Lebenselexier und letztlicher Aggregatzustand? Die Biere für die Arbeiter tragen ebensowenig eine ironische Botschaft wie die Bush-Ikone, und auch die Spielzeugpanzer sind symbolisierend, aber nicht ironisch. Amerikanische Machtpolitik ist nicht ironisierbar, weil tödlich vorgetragener Kitsch nicht relativierbar ist.

 

Ich möchte trotzdem eine ironische Frage stellen: Wie würde Rambo seinen Hausaltar
gestalten? Popcorn statt Asche, Cola statt Bier?

 

Überleben in Grabbezirken
Wer so oft Ordnungen schafft wie Hubert Brandstätter und Zufällen nur in abgesteckten Bereichen Platz lässt, der versucht nicht nur die zwei Seelen in seiner Brust zu einer Synthese zu bringen, sondern den locken auch die Bereiche der Todesähnlichkeit. Körperliche Verausgabung, Meditation, Stille, Panik, das wären solche Erfahrungsplätze. Manches an Hubert Brandstätters Arbeiten erinnert daran, dass da jemand versucht, sich sein Nichtsein vorzustellen, sein Nichtsein zu arrangieren. Ein Wiedergänger, der die Fragen nach seinem rätselhaften Verschwinden immer wieder neu stellen muss ?

 

Ich unterstelle Hubert Brandstätter , dass er sich fallweise in einen Nistplatz des Jenseitigen zurückzieht um den Tod zu üben. Also doch ein Romantiker! Vielleicht deshalb die neuerliche Zuwendung zur Menschenmalerei, als Überprüfung dessen, was wir zurücklassen?