Hubert Brandstätter zum Thema Abstraktion in der bildenden Kunst

"Na und - das kann doch jedes Kind"

 

Abstraktion (von lat. abstractus - „abgezogen“, Partizip Perfekt Passiv von abs-trahere - „abziehen, entfernen, trennen“ - der Gegensatz von Realismus, Wirklichkeit) bestimmt unser Denken und unsere Wahrnehmung. Eine vollkommen reale Wahrnehmung von etwas entzieht sich unseren Möglichkeiten. Am Beispiel „Früchte tragender Zwetschkenbaum“: Wir können ihn in seiner Form bis zum letzten Blatt nicht mehr visuell wahrnehmen, wir sehen nicht die Wurzeln, unsere Geruchswahrnehmung befindet sich nur im Rahmen unserer Möglichkeiten, wir wissen nicht wie der Baum im inneren aussieht usw. Also schon bei einer konkreten Form ist unsere Erkenntnis von Realität (Wirklichkeit) durch unsere Möglichkeiten eingeschränkt. Ein Physiker, Biologe etc. erweitert seinen Realitätsbegriff wahrscheinlich um seine Möglichkeiten, erkennt vielleicht jedoch nicht mehr die Wirkung eines blühenden Baumes auf seine Psyche. Wenn wir von einem „Baum“ sprechen, haben wir bereits die nächste Abstraktionsebene erreicht. Der Begriff lässt bereits die Realität eines einzelnen Baumes weit hinter sich. Er beschränkt sich auf das, was alle Bäume gemeinsam haben. Der Begriff  „Wald“ wäre schon eine weitere Abstraktionsstufe der neben Bäume auch andere Pflanzen, Tiere usw. umfasst.

Auch in der bildenden Kunst ist das so eine Sache mit dem Realismus. Wenn ich ein Foto von etwas mache, passiert bereits Abstraktion. Der Bildausschnitt, die Wahl des Objektives, die Schärfe verändern die Realität. Ich kann nicht jeden Grashalm oder Marienkäfer erkennen. Dasselbe passiert beim Versuch einer realistischen Malerei. Schon allein durch die, und wenn auch noch so genaue Wiedergabe vom realen Objekt, entbehrt es dessen Eigenschaften. Ich kann einen Baum am Bild nicht angreifen, kann ihn nicht riechen, kann seine Früchte nicht essen.
Die Abstraktion in der Malerei ist auch keine Erfindung der Moderne. Nein, sie begleitet die Kunst von Anbeginn. Wir finden in den Höhlenmalereien neben Tierdarstellungen auch abstrakte Darstellungen, Zeichen und Symbole. In der altägyptischen Kunst sehen wir bei Wandbildern in Gräbern Darstellungen (z.b. Diener), bei denen der Kopf im Profil, das Auge von vorne, die Schultern von vorne und die Füße von der Seite dargestellt sind. Es geht hier nicht um eine genaue Wiedergabe, sondern um eine möglichst umfangreiche Darstellung, damit die Diener in möglichster Ganzheit im Jenseits den Pharao zu Diensten sein können. (erinnert an den Kubismus?) Griechische Marmorfiguren sind wiederum in den meisten Fällen eine Idealisierung des Menschen. Im Mittelalter ging es sowieso in erster Line um die Darstellung von religiösen Inhalten. Also Inhalten eines Glaubens. Wenn in der frühen Renaissance Sandro Botticelli seine Venus dem Meer entsteigen lässt, handelt es sich wohl auch kaum um die Wiedergabe von Wirklichkeit. Und Portraits in dieser Zeit haben die Aufgabe der Repräsentation und nicht der getreuen Wiedergabe. Diese Liste  ließe sich beliebig fortsetzen.

Werfen wir jetzt einmal einen Blick auf die Abstraktion im Sinne der Moderne. Sie ist nicht wie vielfach geäußert eine Erscheinung unserer Zeit, sondern beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts, ist also schon gut 100 Jahre alt. Die Künstler dieser Zeit beginnen sich vom Abbild (sofern jemals überhaupt vorhanden?) zu lösen und geben dem Bild oder Objekt eine neue selbständige Wirklichkeit. Das Bild oder Objekt wird zur Wirklichkeit. Geht man am Anfang noch von einer wahrgenommenen Wirklichkeit aus und verändert deren Farben und Formen, schaffen Kandinsky, Malewitsch, Mondrian, Delaunay, Lissitzky, Kupka, Klee, Miro um nur einige zu nennen um 1910 und in der Folge, Werke die sich nur mehr auf ihre Form bzw. Farbe beziehen.

Ich möchte in der Folge einige Künstler dieser Zeit ausschnittweise zitieren:

Kandinsky (sieht das sehr metaphysisch)
„Prinzip der inneren Notwendigkeit“; es ist eine der unerschütterlichen Grundlagen der abstrakten Kunst.
„Die innere Notwendigkeit entsteht aus drei mystischen Gründen. Sie wird von drei mystischen Notwendigkeiten gebildet:
1. hat jeder Künstler, als Schöpfer, das ihm Eigene zum Ausdruck zu bringen(Element der Persönlichkeit)
2. hat jeder Künstler, als Kind seiner Epoche, das dieser Epoche Eigene zu Ausdruck zu bringen (Element des Stiles im inneren Werte, zusammengesetzt aus der Sprache der Epoche und der Sprache der Nation, solange die Nation als solche existieren wird)
3. hat jeder Künstler, als Diener der Kunst, das der Kunst im allgemeinen Eigene zu bringen (Element des Rein- und Ewig-Künstlerischen, welches durch alle Menschen, Völker und Zeiten geht, im Kunstwerk jedes Künstlers, jeder Nation und jeder Epoche zu sehen ist und als Hauptelement der Kunst keinen Raum und Zeit kennt).

 
Malewitsch (versuchte die Malerei auf wenige grundlegende Elemente wie Kreis, Viereck, Dreieck und Kreuz zurückzuführen)
„Die Kunst soll keinen anderen Gesetzen unterworfen sein, als ihren eigenen; sie will vom Gegenstand nichts mehr wissen; sie glaubt an sich und für sich existieren zu können.“

 
Mondrian sprach von einer Welt ohne Natur in der Kunst, einer entnaturalisierten Welt, ein neues Eden, worin der Mensch glücklich sein wird, weil er es selbst geschaffen hat.

 
Wir sehen an den Beispielen, dass diese Zeit durch hoch idealisierte Künstler verkörpert wurde.

Nach München, Moskau und Paris wurde New York Anfang der vierziger Jahre zum Mittelpunkt der abstrakten Kunst. Duchamp, Glarner. Tanguy, Gorky und in der Folge Masson, Ernst usw. gestalteten die Anfänge. Nach dem 2. Weltkrieg waren Jackson Pollock, De Kooning, Mark Rothko Kernfiguren des „abstrakten Expressionismus. Nicht wie zuvor in Europa wurden die Formen aufgrund intellektueller Überlegungen entwickelt, sondern die Künstler schufen sie intuitiv, aus der Gestik. (z.B. die Tropfbilder von Jackson Pollock)

 
Parallel dazu entwickelte sich in Europa die informelle Malerei (Tachismus) die auf die Zerstörung jeder Ausdrucksform, sozusagen einer Antimalerei hinauslief. Diese Malerei wurde wie der abstakte Expressionismus von der Intuition und Gestik dominiert, bezog sich oft auf archaische Ausdrucksformen und beherrschte Europa bis in 70 er Jahre.
 
Wir sehen schon an diesen aufgrund einer notwendigen Kürze sehr vereinfachten Beispielen welche Vielfalt die sogenannte „Abstrakte Malerei“ entwickelte.
 
Wobei ich persönlich zum Schluss komme, dass das Wesen der gegenstandslosen Kunst darin besteht, das sie das künstlerische Werk selbst zum Gegenstand erklärt. Der Künstler wird zum Schöpfer etwas Neuem. Das Werk ist wahrnehmbar wie zum Beispiel der am Anfang genannte Zwetschkenbaum. Somit erscheint mir die sogenannte abstrakte (gegenstandslose) Kunst im Sinne der Moderne, als die einzig realistische, da ein realer Gegenstand (das Werk) mit der ausschließlichen Absicht einer Neuschöpfung (ohne Bezug auf Vorhandenes in der reale Welt, und dadurch deren Vereinfachung - sprich Abstraktion) geschaffen wird.

Noch ein Wort zur Überschrift. Meine Arbeit mit Kindern hat mir gezeigt, dass gerade abstraktes Denken und Gestalten erst im Laufe der Zeit erlerntn werden. Kinder sind in ihren Bildern in den allermeisten Fällen narativ, d. h. erzählend und versuchen sie durch eine vereinfachte Formensprache des von ihnen wahrgenommenen zu gestalten.
Der in der Überschrift oft gesagte Satz erinnert mich an die Behauptung, dass beim Fußball lediglich 22 Menschen hinter einem Ball herlaufen, und dadurch am Wesen des Spieles vorbeigeht. Kunst ist nun mal wie so vieles auf dieser Welt auch eine Sache der Bildung.